Hat Ihr Tag immer zu wenig Stunden? Wird Ihre To-Do-Liste niemals kürzer? Sind Sie oft ausgepowert und aufgedreht zugleich? Brauchen Sie tagsüber Kaffee zum Wachwerden und abends ein Glas Wein zum Runterkommen? Können Sie schlecht Nein sagen? Sind Sie immer erreichbar und lesen Ihre E-Mails sogar auf der Toilette?

 

Nehmen Sie trotz bewusster Ernährung und Sport nicht ab? Wenn Sie diese Fragen größtenteils mit Ja beantworten können, sind Sie höchstwahrscheinlich eine „Rushing Woman“ oder zumindest auf dem Weg dorthin. Nicht gut. Gar nicht gut. Klar, Sie haben jetzt gerade mal wieder gar keine Zeit, aber es wird höchstens fünf Minuten dauern, diesen Artikel zu lesen. Fünf Minuten, die Sie nachdenklich machen werden.

 

 

 

 

„Es bricht mir das Herz!“, sagt die australische Ernährungsspezialistin und Biochemikerin Dr. Libby Weaver, wenn Sie über dauergestresste Frauen spricht. „Diese Frauen machen mittlerweile die Karriere ihrer Väter ohne die Pflichten ihrer Mütter abgegeben zu haben. Das sind Frauen, die jeden Tag zwischen dutzenden Terminen hin- und herhetzen, für alle ein offenes Ohr haben und dabei doch immer das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein.“

Dr. Libby hat ein Buch über diese Sorte Frau geschrieben: „Das Rushing Woman Syndrom“. Dabei muss es sich gar nicht immer um die klassische Working Mum zwischen 30 und 50 handeln – obwohl die am häufigsten betroffen ist – auch Singles ohne Kinder oder ältere Frauen leiden unter dem „Immer-in-Eile-Syndrom“. Und zwar ist es in diesem Zusammenhang egal, ob der Stress tatsächlich vorhanden ist oder wir nur das Gefühl haben, unter Druck zu stehen.

Mittlerweile weiß jeder Grundschüler, dass Stress eine ungesunde Angelegenheit ist, aber selten wurde so eindrücklich und noch dazu leicht verständlich beschrieben, was im weiblichen Körper dabei vor sich geht. Nicht umsonst ist Dr. Libby in ihrer Heimat Australien eine Art Gesundheitsguru und gefragte Bestsellerautorin.

Sie warnt davor, dass die von der Natur so perfekt eingerichteten biochemischen Systeme, die eng miteinander zusammenhängen, unter Dauerstress komplett aus dem Ruder laufen. Betroffen sind unter anderem das Nerven- und Verdauungssystem, der Hormonhaushalt und eng damit verbunden unsere Emotionen.

Gerne bringt die Australierin in diesem Zusammenhang das Beispiel mit dem Frosch: „Wenn man einen Frosch in kochend heißes Wasser setzt, springt er sofort heraus. Setzt man ihn aber in kaltes Wasser, das man nach und nach zum Kochen bringt, bleibt er im Wasser und stirbt.“ Viele Frauen nehmen den Dauerstress anfangs gar nicht richtig wahr, er schleicht sich in ihr Leben und sie machen dann jahrealang tagaus tagein nichts anderes als zu funktionieren.

„Diese permanente Belastung kann zu allen möglichen Reaktionen führen, das ist individuell sehr verschieden“, weiß Diplom-Psychologe Volker Andresen aus über 20-jähriger Erfahrung als Therapeut. „Es kann passieren, dass sich bei einigen Frauen irgendwann Symptome entwickeln, die man einer Depression oder einem Burnout zuordnen kann. Dazu gehören Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, ein Gefühl der inneren Leere und sozialer Rückzug.“

Eine wichtige Rolle auf dem Weg zur „Rushing Woman“ spielt unser mächtiges Unterbewusstsein, dass das vegetative Nervensystem steuert. Neurowissenschaftler sagen, dass mindestens 95 Prozent unserer Denkprozesse unbewusst ablaufen. Vereinfacht ausgedrückt: Wir sind Instinktwesen, ticken in vielerlei Hinsicht immer noch wie Höhlenmenschen, müssen aber gleichzeitig den rasend schnellen digitalen Wandel mitmachen. Wenn das Smartphone zum x-ten Mal klingelt, E-Mails unser Postfach überfluten und wir zwischendurch noch ein paar WhatsApps schreiben, schaltet unser Nervensystem irgendwann in den sogenannten „Fight or flight“-Modus. Adrenalin wird ausgeschüttet, der Puls steigt, die Atmung wird schneller. Als „Cave Woman“ konnte uns das bei der Begegnung mit einem Säbelzahntiger oder einem aggressiven männlichen Artgenossen das Leben retten. Aber heutzutage macht es uns krank, vor allem dann, wenn das ganze zum Dauerzustand wird.

Wer in so einer Situation auch noch ständig Kaffee trinkt (und wer bitteschön tut das nicht?) feuert das Nervensystem weiter an, warnt Dr. Libby in ihrem Buch. Wir werden zappelig und verlieren den Überblick. Dazu kommt ein weiterer Negativaspekt, der vielen vielleicht gar nicht so bewusst ist. Wir werden durch Stress und Koffein auf lange Sicht nämlich dick bzw. nehmen nicht ab, trotz gesunder Ernährung und Sport. Denn der Körper greift in dieser für ihn „gefährlichen“ Situation auf die schnellen Energiereserven zurück, die in Form von Zucker in Muskeln und Leber vorrätig sind. Die Fettreserven lässt er dagegen unangetastet, gleichzeitig bekommen wir durch den abfallenden Blutzuckerspiegel Heißhunger auf Süßes. Was liegt da näher als ein süßer Snack am Nachmittag, natürlich gerne mit einem Café latte dazu – und der Teufelskreis ist in vollem Gange.

 

Porträt Dr.Libby©Dr. Libby Weaver

 

Und dann kommt noch das Dauerstresshormon Cortisol ins Spiel. Das wird immer dann produziert, wenn man dauerhaft unter einem gewissen Druck steht, sich ständig Sorgen um die Kinder, den Job oder die Beziehung macht. Auch „Cave Woman“ hat schon Cortisol ausgeschüttet, allerdings eher in Zeiten von Nahrungsknappheit, was damals eine der größten Bedrohungen für sie war. Damals wie heute lautete das Signal an den Körper: „Bitte Fett einlagern und jetzt besser nicht fortpflanzen!“ Zwischen Stresshormonen und Sexualhormonen besteht also auch ein enger Zusammenhang. Dr. Libby nennt Unfruchtbarkeit, das Prämenstruelle Syndrom oder Wechseljahresbeschwerden als Beispiele für einen durch Stress aus der Balance gekommenen Hormonspiegel. Auch die Nebennieren sind in Gefahr. Müssen sie ständig Cortisol produzieren, sind sie irgendwann geschwächt oder sogar komplett erschöpft. „Adrenal fatigue“ heißt das dann im Fachjargon, die Betroffenen sind nur noch müde und ein Burnout ist nicht mehr weit.

Klar, diese ernährungsphysiologischen und hormonellen Vorgänge sind alle längst erforscht und nicht neu. Aber Dr. Libby schafft es, auf ihre sehr verständnisvolle und eindrückliche Art, die großen Zusammenhänge aufzuzeigen. Darüberhinaus bietet sie im letzten Kapitel ihres Buches viele Lösungsansätze – von Entspannungsübungen bis zu Ernährungstipps. Und sie scheut sich auch nicht, die wahren Gründe für die typisch weibliche Selbstaufopferung anzusprechen. Meistens stecken ihrer Meinung nach nämlich falsche Überzeugungen dahinter, die oft einen familiären Hintergrund haben. Psychotherapeut Volker Andresen beschreibt es so: „Es gibt Frauen, die von klein auf bestimmte Lebensregeln und Überzeugungen verinnerlicht haben. Zum Beispiel, dass sie nur dann gemocht werden, wenn sie jeder Anforderung von außen entsprechen. Wenn eine Frau eine kranke Mutter hatte, war sie als Kind ständig darum bemüht, deren Bedürfnisse zu erfüllen. Ähnlich ist es bei einem Vater, der selten zu Hause oder nicht besonders liebevoll war. Das kleine Mädchen hat dann versucht, seinen Wünschen Rechnung zu tragen, um geliebt zu werden.“

Frauen mit dieser Überzeugung neigen dazu, ihr krankmachendes Verhaltensmuster auf alle Bereiche ihres Lebens zu übertragen: den Job, die Beziehung, die Kindererziehung, Freundschaften usw. Es ist wie ein Zwang. Einer solchen Frau zu sagen, sie solle mal kürzer treten und weniger machen, ist genauso zwecklos, wie eine Magersüchtige zum Essen zu bringen. Volker Andresen sagt, dass dieses Verhalten auf der emotionalen Ebene festgeschrieben sei und auch nur dort decodiert werden könne. „Ich schaue in den Lebenslauf der Patientin und wenn ich herausfinde, woran es liegt, sprechen wir darüber. Das kann ein langer Prozess sein. Erst wenn ihr bewusst wird, was da los war, wenn Gefühle wie Trauer und Wut hochkommen, dann wird der Ursprung verarbeitet und sie kann sich von dieser Lebensregel trennen“, so Andresen. „Aber eben nur vom krankmachenden, übertriebenen Teil. Man wird es sicher keiner Frau abgewöhnen, soziales Verhalten an den Tag zu legen.“

Denn das liegt nunmal in den weiblichen Genen. Britische Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass es in der Evolution für Frauen extrem wichtig war, soziale Situationen richtig einschätzen zu können. Nur so konnten sie ihr eigenes und damit auch das Überleben ihre Kinder sichern. Das zweite X-Chromosom macht uns also zu sozialen Geschöpfen, die sich um andere kümmern. Was ja auch gut ist, nur eben in einem gesunden Maß. Wenn dieses Maß langfristig überschritten wird, sendet uns der Körper irgendwann klare Botschaften und kann so ein guter Lehrmeister sein, glaubt Dr. Libby. „Wir sollten auf ihn hören und und uns selbst behandeln wie ein geliebtes Kind. Jedes kleine Mädchen auf der Welt wird mit dem Wissen geboren, dass es wunderbar ist – nicht im Sinne von eitel, sondern im Sinne von wertvoll. Und das verlieren wir. Und ich glaube, dass wir den Rest unseres Lebens darum ringen, dieses Gefühl wiederzubekommen. Dabei sollen uns Essen, Kaufen, berufliche Erfolge oder das Bemühen, andere Menschen glücklich zu machen, helfen. Doch wenn wir wüssten, wer wir wirklich sind, wären wir hingerissen.“