Waschen, pflegen, stylen – und bitte ohne Chemie! Natürlich schönes Haar ist eine komplizierte Sache, weiß Autorin Ricarda Landgrebe. Sie sucht nach ökologisch korrekten Alternativen und wird dabei zur Globetrotterin.

 

Neulich war mein Patenkind zu Besuch und Marlene hatte nicht nur Kuscheltiere, sondern auch lebende Tierchen im Gepäck: Läuse! Ist es nicht seltsam, dass man sofort einen Juckreiz verspürt, wenn man das Wort nur hört? Zum Glück wurde ich verschont, musste aber der Kleinen eine Chemiekeule auf den Kopf hauen. Und obwohl ich weiß, dass der Befall nichts mit mangelnder Hygiene zu tun hat, rattert es in meinem Hirn: Wie sieht eigentlich eine angemessene Kopfpflege aus? Am schönsten sind Haare ja angeblich, wenn man wenig dafür tut. Je öfter man sie wäscht, desto schneller werden sie wieder fettig, wussten schon unsere Omas. Das Waschen entzieht nämlich natürliche Öle und der Körper wehrt sich, indem unsere Kopfhaut die Ölproduktion ankurbelt. Was man früher „entfetten“ nannte, heißt heute „cleansing reduction“ und die Entwöhnung vom Haarewaschen ist in Hollywood gerade der letzte Schrei. Prominente Vorzeige-Ökos wie Gwyneth Paltrow verzichten sogar komplett auf industriell gefertigte Pflegeprodukte, denn die „No Poo“ Bewegung (Abkürzung von „No Shampoo“) verspricht extrem gepflegtes und glänzendes Haar. Als Ersatz werden Roggenmehl, Backpulver oder Heilerde verwendet. Hardcore-Anhänger nutzen ausschließlich Wasser.

 

Ich habe dem Haarewaschen schon abgeschworen, als es die hippen Trendbezeichnungen noch nicht gab. Damals hatte ich eine Ohren-Operation hinter mir und drei Monate lang durfte kein Tropfen Wasser in mein Mittelohr gelangen. Gepaart mit einer Nackenstarre wurde das Haarewaschen für mich zur Tortur und ich ging in den Wasch-Streik. Keine Bange, ich bin in dieser Zeit nicht miefend umhergelaufen. Trockenshampoo war meine Rettung. Ich empfehle das Dry Shampoo von rahua, denn es lässt fettige Ansätze verschwinden und ist ein echtes Volumenwunder. Zugegeben, anfangs war der Waschentzug furchtbar und man verspürt ein ungeheures Verlangen, die Haare so richtig kräftig einzuschäumen. Aber nach kurzer Zeit fettet das Haar wirklich viel weniger und strahlt dafür umso mehr. Ganz zu schweigen von dem guten Gefühl, denn weniger Haarwäschen sind nicht nur ungeheuer Energie- und Abfall-, sondern auch zeitsparend. Im Grunde ist es doch wie mit jeder Diät: Reine Kopfsache und nach ein paar Wochen bekommt viele Komplimente.

 

Ansonsten hatte ich bis vor kurzem ein sehr gespaltenes Verhältnis zu natürlicher Haarpflege: Einerseits föhne ich meine Haare nie und auch Haarspray ist bei mir tabu. Andererseits haue ich mir alle drei Monate Blondierung auf die Birne und in Sachen Shampoo und Conditioner vertraue ich auch mehr auf Weichmacher aus dem Labor als auf Kräuterelixiere. Es ist nicht so, dass ich es noch nie mit Bio-Shampoo versucht hätte, aber mein Haar ist extrem trocken (schon klar, kommt vom Blondieren. Schande über mein Haupt) und wenn ich da nicht gegenhalte, gleicht meine Matte einem Bündel Stroh. „No Poo“ ist mir zu radikal aber auf der Suche nach natürlichen Alternativen bin ich schließlich in Kopenhagen fündig geworden. Während der Fashion Week hatte ich auf Einladung des Dänischen Modeinstituts in einem irre schicken Hotel residiert und noch viel spannender als die elegante Einrichtung waren die Pflegeprodukte der dänischen Naturkosmetikmarke „Rudolph Care“.  Es gibt ein Gesichtsöl mit Acaibeere, das die Haut so zart werden lässt, dass man sich am liebsten permanent selbst über die Wangen streicheln will. Ein echtes Zaubermittel ist der Conditioner „Forever Soft“. Der Name verspricht nicht zu viel, denn Avocado, Ringelblume und Honig machen das Haar fluffig, weich und dennoch voluminös. Himmel, ich klinge ja schon wie eine Werbetexterin. Aber ich war tatsächlich derart besessen von dem Conditioner, dass ich im Wahn eine Reise nach Dänemark gebucht hatte, um einen Hamsterkauf zu tätigen – online konnte ich die Produkte nämlich leider nicht ordern. Insgeheim hoffte ich auch darauf, zufällig der Gründerin Andrea Elisabeth Rudolph zu begegnen. Es ist wohl eine Berufskrankheit, dass man Leute stalkt, nennen wir es recherchieren, die tolle Sachen machen und bei Andrea hatte ich direkt einen Girlcrush. Was für ein cooler Stil. Was für eine Powerfrau. Was für ein mutiger Schritt, ihren Job als TV-Moderatorin an den Nagel zu hängen und stattdessen einfach ein Unternehmen zu gründen – und das hochschwanger. Damals nahm Andrea an einer Studie von Greenpeace teil und erfuhr, dass ihr Körper voller Chemie steckt. Mit ihrer Bio-Beautylinie will sie dagegen angehen. Zum Glück verschickt der Onlineshop inzwischen auch nach Deutschland aber mein nächstes Haar-Reiseziel liegt ohnehin im Süden. Ich muss nämlich dringend meine Blondierung auffrischen und statt mir Bleichpaste auf den Schädel zu klatschen, könnte ich mich mit der Sonne als natürlichen Aufheller anfreunden. Ich denke da an eine sechsmonatige Auszeit am Amazonas.