Wenn die Wüste einen zu sich ruft, dann sollte man ihr folgen…

Wie Yoga inmitten der atemberaubenden Dünen der Sahara ein klein wenig das Leben verändert.

 

 

Auf die Idee, Yoga in der Sahara zu probieren, wäre ich, auch als leidenschaftlicher Wüstenfan und regelmäßiger ‘Yogageher’, nicht gekommen. Was kann einen motivieren, schweisstreibende Asanas im Sand zu versuchen?

Bis das Leben seine Zufälle inszeniert und mir ein Unbekannter einfach so ein Buch in meinen Fahrradkorb legt: Spuren von Robyn Davidson, einer jungen Frau, die sich in den 1970ern in den Kopf gesetzt hatte, mit drei Kamelen die Wüsten Westaustraliens zu durchqueren. Ihre Idee vom Übergangsritual zum Erwachsen- vielleicht darüber hinaus sogar zum ‘Mensch werden’: sämtliche Rollen abzulegen, um sich voll und ganz auf sich selbst einzulassen. Die vermeindliche Leere der Wüste als Ort der Selbsterfahrung. Noch tagelang gefesselt von ihren bewegenden Erkenntnissen, bahnt sich dann per weiteren Zufalls der Name Sahara Yoga den Weg in meinen Social Media Newsfeed.

Von den magisch-anziehend roten Sanddünen, die sonderbar vertraut wirken, geht ein stiller, aber bestimmter Ruf aus. Meine Neugierde ist geweckt. Und auf das, was wohl passiert, wenn ich meine Yogamatte einmal dort ausrolle, wo man die Natur im ersten Anschein nach als ‘leblos’ wähnt.

 

 

Ankommen in Merzouga

 

Ein warmer afrikanischer Wind heißt uns willkommen, als die Propellermaschine mit unserer Yogagruppe nach einer Stunde Flug von Casablanca in Errachidia, nahe der algerischen Grenze, zur Landung ansetzt. Nach einer weiteren Stunde Autofahrt erreichen wir spät nachts unser Hotel in Merzouga – mit seiner beeindruckenden Halle aus kühlem Steinboden und dicken Teppichen direkt aus Tausendundeiner Nacht entlehnt. Dort werden wir von Barak Oussidi und seiner Partnerin Ayla-Karen Ücgüler, den Veranstaltern und guten Seelen, die die Monate vor der Reise für jede unserer Fragen eine geduldige Antwort hatten, aufs herzlichste begrüßt. Es fühlt sich an, wie alte Freunde wiederzusehen. Ihr Wohlwollen und die Gelassenheit, die sie ausstrahlen, lassen, trotz Müdigkeit, die Vorfreude auf die Woche vor uns steigen.

Und die Bilder aus dem Internet haben nicht zuviel versprochen, als sich am Morgen die Dünen wie riesige, gold-glimmernde Wellen aus Sand direkt vor uns ausbreiten. So sieht es also aus, das vermeindliche Nichts. Obwohl Yoga Retreats schon lange en vogue sind, ist das mein erster.

Ich bin gespannt auf die Eindrücke, vor allem auf die Leute in meiner kleinen Gruppe, denn wie auch ich hat vermutlich jeder so seine Gründe, warum er dem Ruf der Wüste folgt. So wie Lisa und Matthias aus Hamburg, das einzige Paar, die mit uns ihre Hochzeitsreise verbringen. Wir leben definitiv im Now-Age, stelle ich wieder einmal begeistert fest: statt Zweisamkeit auf den Seychellen lieber Auszeit und Yoga in der Wüste mit einer wildfremden Truppe. Sich auf etwas einzulassen, bekommt auf einmal noch eine weitere spannende Perspektive.

Aber wie, meine brennende Frage, kommt man auf die Idee ein Wüstenyoga-Camp zu betreiben?

 

‘Guten Tag’ oder ‘Azul’ (freier Mensch)

 

Bevor wir am späteren Nachmittag unseren Kamelritt ins eigentliche Wüstencamp antreten, weiht uns Barak beim Frühstück über die Besonderheit von Merzouga, den ‘fruchtbaren Ort’, ein.

Diesen Status bezeugt noch immer dessen Oase mit seinen grünen Gärten. Sie ist das Erbe von Baraks Vater, der den Ort 1949 mit ein paar anderen Berber Nomadenfamilien gegründet hat. Um diesen langfristig bewohnbar zu machen, hat er Wasserleitungen von der umliegenden Düne gelegt und eine Kanalisation errichtet. Ganz ohne Maschinen. Wie man sich vorstellen kann, schafft das ein tiefes Gefühl von Verantwortung, vor allem über dessen Erhaltung.

Während Barak erzählt, summt sein Telefon leise mit einkommenden Textnachrichten. Leute vom Ort fragen ihn um medizinischen Rat. Denn eigentlich ist er Krankenpfleger in Kiel und pendelt zwischen Marokko und Deutschland hin und her. Warum er das macht, und ob das nicht stressig ist, fragen wir. “Weil ich das möchte,” seine bestimmte Antwort. Und weil ihn sein Vater um drei Dinge bat: “Geh nicht weg vom Ort, kümmere dich um die Oase und um deine Geschwister.“

Zu ihm spürt Barak noch immer eine starke Verbindung – eine liebevolle Kraft, die er von diesem Mann schöpft, besonders, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen; und die Barak nicht nur dem Familienunternehmen Sahara-Yoga weitergibt.

Eigentlich ist seine Erzählung eine Vorbereitung auf das Gefühl von Gemeinschaft, das wir über die kommenden Tage intensiv erfahren werden. Ob Familie oder Gruppe, Zusammenhalt verleiht Stärke, und wie beim Yoga zieht man die Kraft aus seiner Mitte.

Wohl nicht von ungefähr grüßt man sich hier respektvoll mit ‘Azul’ (freier Mensch) und wohl auch nicht ohne Hintergedanken gibt Barak uns auf, versuchen so zu sein, wie wir sind. Eine reizvolle wie aufschlussreiche Herausforderung.

 

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‘Macht die Herzkamera auf’

 

Nach ein paar Stunden Akklimatisieren am Hotelpool, machen wir uns auf den Weg in unser temporäres zu Hause, eingebettet in den Erg Chebbi Dünen. Ein guter zwei Stunden Fußmarsch liegt vor uns. Barak regt an, die Zeit schweigend zu verbringen. Bewusst aufzunehmen.

Als unsere Karawane sich in Bewegung setzt, kommt ein leichter Sandsturm auf, der, man glaubt es kaum, ein paar dicke Regentropfen mit sich bringt. Das matte Licht der sandverhangenen Sonne setzt die markante Architektur der Dünen mit den unglaublichsten Farbnuancen von Dunkelrot bis Gelb dramatisch in Szene.

Nach 10 Minuten nervösem Hin- und Herrutschens tue ich meinem Kamel einen Gefallen und steige wieder ab. Mir ist nämlich wieder Robyn Davidson eingefallen… und ich spüre ein tiefes Bedürfnis zu laufen, denn es scheint mir die einzige Möglichkeit, das mysterische Wesen der Wüste zu erschliessen. Während mein Kamel, dem ich nun hinterhergehe, würdevoll und grazil den Boden unter sich berührt, sinke ich bei jedem Schritt tief ein. Der Rest der Gruppe reitet erhaben in der Stille, vorbei an anderen Karawanen mit abgekämpften Tagestouristen unter Zeitdruck, ihr perfektes Wüstenselfie einzuholen.

Ich erinnere mich an Aylas Rat heute Vormittag, ‘die Herzkamera einzuschalten’. Obwohl ich es mir dann irgendwann doch nicht verkneifen kann, das Telefon hervorzukramen, prägen sich die ‘echten’ Bilder viel tiefer ein: als leichter Muskelkater in meinen Waden gepaart mit ehrfuchtsvoller und kindlicher Herzensfreude. Mit dem angenehmen Wind nach Sonnenuntergang wird der Fußmarsch leichter, ich streife die Sandalen ab und spüre den perfekten Wechsel von weichem und hartem Sand.

Ich gehe an der Seite von Omar, einer von Baraks Neffen, die mit dabei sind, während Baraks Bruder Hassan die Kamele führt. Omar zeigt auf eine Wüstenfuchshöhle. Mir fallen die Wischspuren von Gräsern auf; das zierliche Muster der Fußabdrücke eines Skarabäus.

Man kommt hier schnell zur Ruhe, denn alles rückt erst einmal in die Ferne, ganz egal ob das Tinder Date, das sich nicht mehr meldet oder die Qual der Wahl, welche Farbe das Kabel meines Lampenschirms im Wohnzimmer nun haben sollte.

Ich nehme nur das wahr, was gerade ist: das Flattern meiner Leinenhosen im Wind und die absolute Stille. Azul, der freie Mensch in Verbundenheit mit den Elementen, nicht deren Kraft hinterfragend. Vielleicht, so wird mir klar, bedeutet wahre Freiheit, die Dinge so anzunehmen wie sie sind.

 

 

Asanas mit viel Humor

 

Angekommen im Camp lernen wir noch weitere Mitglieder vom Oussidi-Clan kennen: Baraks Schwägerin Fatima, die uns aufs Wunderbarste bekocht; Neffe Mohamed der Hamid hilft, das Camp in Schuss zu halten.

Die folgenden Tage sind ein gleichmäßiger Ablauf, der wie Balsam auf den gestressten Geist wirkt. Die meisten von uns schlafen draußen, unter freiem Sternenhimmel. Man will keinen Moment in der Natur verpassen. Nach einem sanften Gong-Weckruf früh morgens folgt die erste Yogaeinheit.

Die Themen jeder liebevoll, wie abwechslungsreich gestalteten Stunden von Annika Isterling decken sich immer wieder mit Gedanken, die mir auch durch den Kopf gehen: Zeit nehmen, sich selbst zuzuhören. Das scheint in dieser pittoresken wie vollkommenen Landschaft plötzlich so einfach.

Was schön ist, daß es Zeit fürs Lachen gibt, vor allem, wenn der Wüstenwind die Standhaftigkeit unserer neu erfahrenen Kraft der Mitte auch gleich einmal testet. Je weniger Widerstand man leiste, umso besser fließen die Dinge durch einen durch, meint Annika mit einem Augenzwinkern (oder vielleicht, weil auch sie Sand in den Augen hat). Eine Erkenntnis, die ich mir für den Wiener Straßenverkehr mitnehmen werde, falls mich die Polizei noch einmal wegen ‘Handybikens’ festnehmen sollte.

 

Nun aber wird der Draht nach außen für eine Zeitlang unterbrochen. Anstatt ablenkendem Whatsapp Geschnatter verliert man sich in anregende Gespräche in Echtzeit oder erklimmt die mächtige Düne hinter dem Camp, dessen Aufstieg in der Hitze gefühlt eher dem des Kilimanjaros  gleicht.

Das Gehen im weichen Sand ohne Schuhe wird schnell zur Gewohnheit. Die Wüste wirkt auf einmal wie ein riesiges Haus, die Dünen wie dessen verschiedene Räume. Man fühlt sich als Teil des Ganzen und ‘selten so beschützt’, wie es einige Gruppenteilnehmer so schön beschreiben. Die Outdoor-Dusche ist unser Tageshighlight.

Man hängt seinen eigenen Eingebungen nach, tauscht Erfahrungen aus, lacht zusammen und legt irgendwann auch einmal die Scheu vor Tränen ab, denn man fühlt sich gut aufgehoben mit diesen wunderbaren Menschen. Vor allem aber merke ich, wie mich die Erfahrungen der anderen bereichern und die charmanten Eigenheiten eines jeden einzelnen auch irgendwo tief berühren. Es heißt ja ohnehin, daß wir in jeder Begegnung nur einander spiegeln.

Erst am Ende fällt mir auf, daß es nur einen kleinen Spiegel vor den Toiletten gibt und ich mich eigentlich immer nur kurz beim Zähneputzen ‘sehe’. Wie man Barak und Ayla nun etwas besser kennt, vielleicht ganz bewusst von ihnen arrangiert, um dabei zu helfen, seinen Blick ins Innere zu fokusieren.

 

 

Die Kraft der Stille, oder: der Wüsteneffekt

 

‘Wasser reinigt den Körper, die Wüste reinigt die Seele, sagt ein Sprichwort,’ so Ayla, die gerade an ihrer Doktorarbeit über ‚Spirituellen Tourismus als nachhaltige Destinationsentwicklung’ schreibt. Ein Thema, von dem man sicher noch viel mehr hören wird.

“Sie {die Wüste} verleiht Klarheit zum Denken,” erzählt Ayla weiter. “Oft bekommen wir Monate später Rückmeldungen von Leuten, daß sie nun Ihren Job gewechselt oder eine Beziehung beendet haben.”

Auch nach unseren Yogastunden hier draußen wirken die Asanas noch lange nach und Annikas Worte ‚Konzepte loszulassen’: Die Beziehung zu sich selbst und das Vertrauen in der absoluten Gewissheit des Atems aufzubauen, der einen sein ganzen Leben lang begleitet.

Oft stelle ich mir während der letzten Ruhepose im Yoga, dem Savasana, vor, mitten in der Wüste zu liegen. Nun tue ich es wirklich und spaziere danach in die Dünen hinaus, um mich in den warmen Sand zu legen. Nirgends hin zu müssen, außer hier zu sein. Das Einswerden mit dem schönen Gefühl, das wie Medizin durch meinen Körper fließt, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist ungewohnt zu spüren, daß für einmal einfach alles genauso passt, wie es in dem Moment gerade ist.

Jetzt wird mir klar, warum Barak das Camp als Freiluftklinik bezeichnet. Und mehr noch, daß das Erbe seines Vaters weit über die Zukunft der Oase und des Ortes hinausgeht.

Deshalb setzt Barak auch in der Bildung der jungen Generation in Merzouga an: Mit seinem Projekt unterstützt er eine Vorschule im Ort, die die Kinder nicht nur auf den Schulalltag, sondern auch auf das Leben selbst vorbereitet. Angefangen von der Wichtigkeit der täglichen Zahnhygiene bis hin zum Thema Umweltschutz, von dem auch die Wüste mit seinem regen Besucherstrom nicht ausgenommen ist.

 

Nun bin ich neugierig, wie und wann sich mein eigener Wüsteneffekt entfalten wird. Fast ein klein wenig ironisch stelle ich dabei fest, daß die Sahara vor 40 Millionen Jahren einmal sattes Grünland war. Erst durch eine Neigung der Erdachse und den dadurch ausbleibenden Monsunregens hat sie sich langsam in ihren ‘Jetztzustand’ verwandelt. Wieder einmal rückt die Natur meine Erwartungen über ein perfekt ‘getimtes’, lebensveränderten Ereignisses sachte in Perspektive.

Nur, soviel Zeit wird mir trotz aller Verbundenheit mit dem Höheren nicht bleiben. Aber um es in den Worten von Robyn Davidson auszudrücken: ‘Kameltrips haben keinen Anfang und kein Ende, nur die äußeren Umstände ändern sich.’