Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Wenn im Zuge der Urbanisierung alles in die großen Städte drängt, ziehen irgendwann auch wieder Leute zurück auf’s Land. Und damit meinen wir nicht die Speckgürtel mit Reihenhaussiedlung, Supermarkt und S-Bahn-Anschluss, sondern Provinz, Pampa, Dorf, Wildnis… Was bei uns in Deutschland der heruntergekommene Bauernhof in der Uckermark ist, ist in den USA das alte Farmhaus in Maine oder Vermont. Ein Sehnsuchtsort für junge Kreative, die ihr Glück auf dem Land suchen. Die amerikanische Fotografin und Autorin Alissa Hessler dokumentiert die Großsstadtflucht in ihrem Projekt „Urban Exodus“ und hat ein Ratgeberbuch basierend auf eigenen Erfahrungen geschrieben:

 

Als Alissa mit Ende 20 in einer Bar in Brooklyn den Mann ihres Lebens traf, hatte der gerade den Kaufvertrag für ein Farmhaus aus dem 19. Jahrhundert an der Küste von Maine unterschrieben. Sowas nennt man dann wohl Schicksal. Nach fünfmonatiger Fernbeziehung gab sie ihren Job bei einer Mobilfunk-Firma in Seattle auf, fuhr 5000 Kilometer quer durch die USA zu ihrem Jacob und landete mitten im schneereichen, endlosen Ostküsten-Winter. Aber nicht nur deshalb war der Start in das neue Landleben hart für die gebürtige Kalifornierin. Sie vermisste Freunde und Familie und das kulturelle und kulinarische Angebot in der City. Abends konnte sie in der ungewohnten Stille nicht einschlafen, tagsüber musste sie mit Stromausfällen und kaputten Wasserleitungen kämpfen und fühlte sich wie ein Alien in der neuen Umgebung. Nachdem sie sich wie besessen in die Renovierung des Hauses gestürzt hatte und endlich mit ihrem Freund eingezogen war, fiel sie in ein tiefes Loch. Denn Sie hatte einen typischen Anfängerfehler gemacht. „Ich dachte, wenn ich die Stadt verlasse und dem Hamsterrad entkomme, lasse ich auch all den Stress hinter mir“, sagt sie rückblickend. „Ich wusste nicht, dass mir meine Probleme folgen würden und das eine veränderte Umgebung nicht wie durch ein Wunder alles einfacher macht.“ Alissa war zwar physisch angekommen in ihrer neuen Umgebung, doch tief im Inneren war sie immer noch der ungeduldige, gestresste Workaholic aus Seattle. „Good things take time“ sagen sie dort, wo sie hingezogen ist, und dieser Satz sollte ihr Mantra werden. Alissa begann, nach Gleichgesinnten zu suchen, und stieß auf weitere „Ex-Urbanites“ in ihrer Umgebung, die wie sie den großen Schritt in die Provinz gewagt hatten. Sie fand Künstler, die hier freier und kreativer arbeiten konnten,  Familien, die ihre Kinder in der Natur aufwachsen sehen wollten, aber auch mutige Gründer, die sich mit einer Kochschule, einer Gemüsefarm oder einer Schafzucht selbstständig gemacht hatten. Auch die Top-Köche Chloé und Wesley Genovart hatten irgendwann genug von 75-Stunden-Arbeitswochen in New Yorker Sterne-Restaurants, von hohen Mieten und dem ewigen „Hip sein“. Als ihr erstes Kind geboren wurde, zogen sie in das 1700-Seelen-Städtchen Londonderry in Chloés alter Heimat Vermont. Wesley träumte davon, mit selbst angebauten regionalen Zutaten zu kochen und so ersteigerten sie ein Farmhaus aus dem 18. Jahrhundert.  Daraus machten sie das „SoLo Farm & Table Restaurant“, das mittlerweile weit über die Grenzen von Vermont bekannt ist. Chloé erinnert sich: „Wenn wir gewusst hätten, dass wir in den ersten zwei Jahren das komplette Abwassersystem und auch den Heizungskessel erneuern mussten, hätten wir die Gelegenheit vielleicht nicht so schnell ergriffen und wären eher verschreckt gewesen.“ Was Chloé auf dem Land am meisten vermisst, sind gutes Sushi und 24-Hour-Läden. Aber das wird unwichtig, wenn sie sieht, wie frei ihre Kinder hier aufwachsen können. Außerdem hat sie ihre  Eltern in der Nähe, die aufpassen, wenn sie und Wesley im Restaurant arbeiten. Ihr Rat an alle Großstadtpflanzen, die den City-Dschungel gegen die Wälder und Wiesen von Vermont oder Maine eintauschen wollen: „Tut es einfach. Habt keine Angst. (Obwohl es total angsteinflößend ist). Nichts kann Energie, harte Arbeit, Leidenschaft und positives Denken ersetzen.“ Die inspirierende Geschichte von Chloé und Wesley ist eine von vielen, die Alissa Hessler auf ihrer Seite www.urbanexodus.com zusammengetragen hat. Ihre atmosphärischen Fotos von Landschaften, Häusern, Ateliers und Gärten sehen nach Landlustidylle aus, aber in den dazugehörigen Interviews liest man auch von Rückschlägen wie Ernteausfällen, Jobverlusten und Geldsorgen. Alissa hat durch das Projekt spannende Leute kennengelernt, ein großes Netzwerk geknüpft und ganz nebenbei selbst wieder zum Schreiben, Malen und Fotografieren zurückgefunden. In der Stadt hätte sie sich nie getraut, ein eigenes Business zu gründen, hier musste sie es. Zusammen mit ihrem Mann Jacob Hessler betreibt sie eine Designagentur mit Fotostudio und gibt nebenbei noch Fotografiekurse. In ihrer freien Zeit ist sie so oft wie möglich draußen: „Ich liebe es, ruhige Nachmittage mit Unkrautjäten und Rasenmähen zu verbringen. Ich liebe es, im See neben unserem Haus zu schwimmen und mit dem kleinen Boot auf das Meer hinauszufahren und die vielen kleinen Inseln an der Küste zu erkunden. Und ich liebe es, im Winter auf Skiern still und leise durch den Wald zu gleiten.“